Was Kinder dich lehren können (und eine praktische Übung)

Eine U-Bahn-Fahrt am Montag Morgen – grimmige Gesichter, wohin man sieht. Doch da – plötzlich ein kleines Kind, das sich von der etwas gedrückten Stimmung zum Glück nicht beeinflussen lässt. Es lacht und nutzt die Zeit, um aus der Fahrt sein persönliches Abenteuer zu machen. Das ehrliche und laute Lachen des kleinen Geschöpfes ist unweigerlich ansteckend. Und plötzlich kann man auch in den Gesichtern so mancher Erwachsenen ein leichtes Anheben der Mundwinkel feststellen. Für einen Augenblick ist er vergessen – der Montag Morgen.

Was also ist das Geheimnis, das Kinder in sich tragen?

Kinder sind Augen, die sehen, wofür wir längst schon blind sind.

Kinder sind Ohren, die hören, wofür wir längst schon taub sind.

Kinder sind Seelen, die spüren, wofür wir längst schon stumpf sind.

Kinder sind Spiegel, die zeigen, was wir gerne verbergen.

(Unbekannt)

Ein wunderschöner Spruch, der Zeile für Zeile wiedergibt, welche unglaubliche Wirkung Kinder auf Erwachsene haben können. Auch, wenn ich selbst noch keine Kinder habe, so begleite ich meine inzwischen 6-jährige Nichte von ihrer Geburt an auf dem Weg zum Großwerden. Speziell die Zeit mit ihr und auch die gemeinsame Zeit mit Kindern von Freunden bringen tief in mir versteckte Schätze hervor: nämlich Erinnerungen. Erinnerungen an meine eigene Kindheit und an meine größten Träume und Sehnsüchte von damals.

Plötzlich und ganz ungesteuert tauchen Bilder vor meinem inneren Auge auf. Bilder von Kindestagen, die ich im naheliegenden Reitstall und am benachbarten Bauernhof verbracht habe. Bilder von unbeschwerten Zeiten, in denen ich noch keine beschwerlichen Gedanken an meine Zukunft gehabt habe. Die Frage „Was wird wohl aus mir werden?“ war noch nicht existent.

Im Gegenteil: Alle Aufmerksamkeit lag im jeweiligen Augenblick, und je nach Lust und Laune konnte es zuerst der schönste Moment sein, der dann plötzlich, ganz unvorhersehbar zum Die-ganze-Welt-ist-so-böse-mit-mir-Moment wurde (das lag dann zum Beispiel daran, dass ich schon wieder mal Spinat zu Mittag essen musste, obwohl ich das grüne Zeugs so eklig fand).

Aber: Auch dann war ich, wenn auch sehr wütend und aufgebracht, ganz im Moment. Und: Auch das ging vorüber und belastete mich Minuten später nicht weiter.

Die Kinder kennen weder Vergangenheit noch Zukunft und, was uns Erwachsenen kaum passiert, sie genießen die Gegenwart. (Jean de la Bruyere)

Warum ich dir das erzähle?

Der Kleine Prinz von Antoine de Saint Exupery sagte einst:

Alle Erwachsenen sind einmal Kinder gewesen, doch nur wenige erinnern sich dran.

Und ich persönlich glaube, dass gerade unsere Kindheitserinnerungen zu Tage bringen können, was uns wichtig ist und wofür wir brennen. Und die Zeit, die wir als Erwachsene mit Kindern verbringen, kann uns dabei helfen, mit unserem inneren Kind (und ja, das hast auch du noch in dir) wieder in Kontakt zu kommen.

Folgende Übung könnte dich dabei unterstützen, auch mit deinem inneren Kind wieder einmal zu sprechen oder es einfach zu spüren:

Suche dir einen ruhigen Ort. Einen Ort, an dem du dich wohl fühlst und wo du weißt, dass du ein paar Minuten lang ungestört sitzen (oder auch liegen) kannst.

Wenn du es dir bequem gemacht hast, dann schließe deine Augen und erinnere dich an eine spezielle Situation, in der du als Kind Unbeschwertheit und Leichtigkeit gespürt hast. Eine Situation, in der du ganz im Augenblick und glücklich warst. Hole dir diese Situation vor dein inneres Auge und versuche, sie nochmals zu durchleben. Stelle dir den Ort vor, wo du warst. Waren noch andere Personen anwesend? Kannst du dich noch daran erinnern, in welcher Jahreszeit es war? Wie es geduftet und was du gemacht hast, das dich so glücklich sein hat lassen?

Tauche ganz in diesen Moment ein und nimm die schönen Gefühle, die durch die Erinnerung in dir hervorgerufen werden, tief in dich auf.

Wenn du bereit bist, lasse diese Situation wieder gehen und tritt nunmehr in Kontakt mit deinem inneren Kind. Lausche nach innen und frage dein inneres Kind, wie es ihm geht und was es gerade brauchen würde. Vielleicht bekommst du nicht gleich eine Antwort, aber du kannst vermutlich was spüren oder wahrnehmen. Vermutlich etwas, was dein inneres Kind gerade vermisst.

Falls du diese Übung zum ersten Mal machst, ist es vielleicht etwas ungewohnt für dich, mit deinem inneren Kind zu reden. Mir persönlich hilft die Übung aber sehr, mich auf das Wesentliche zu besinnen und zu hören, was mein inneres Kind gerade braucht oder was ihm abgeht (oftmals ist die Antwort, dass es im Alltag und im so genannten Ernst des Lebens zu wenig Aufmerksamkeit bekommt).

Und es ruft mir auch nachstehendes Zitat häufig in Erinnerung:

 Die Arbeit läuft dir nicht davon, wenn du deinem Kind den Regenbogen zeigst. Aber der Regenbogen wartet nicht, bis du mit der Arbeit fertig bist. (Chinesisches Sprichwort)

Ach ja: An noch eine Person erinnert mich mein inneres Kind immer wieder. Nämlich an die aufmüpfige, aber doch so liebenswerte Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren mit ihren orangen Haaren und den zwei Zöpfen. Diese Pippi, die sich die Welt macht(e), wie sie ihr gefällt und die ich immer so bewundert habe.

Und so denke ich auch im Erwachsenenalter noch oft an folgende Worte von Pippi und möchte mich auch mit diesen Worten von dir verabschieden (für heute zumindest):

Ich bin dieses verrückte Kind, das losrennt,

um das Leben zu umarmen,

das hinfällt und wieder aufsteht,

das weiterläuft mit zerschlagenen Knien.

Das verrückte Kind, das an Hoffnung und Liebe glaubt.

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