Warum Bewerten nur eine Form von Mutmaßen ist

Die Geschichte von Vater, Sohn und Esel

Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagshitze durch die staubigen Gassen. Der Sohn führte und der Vater saß auf dem Esel.

„Der arme kleine Junge“, sagte ein vorbeigehender Mann. „Seine kurzen Beine versuchen, mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man nur so faul auf dem Esel sitzen, wenn man sieht, dass das Kind sich müde läuft?”

Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen.

Es dauerte nicht lange, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „So eine Unverschämtheit! Sitzt doch der kleine Bengel wie ein König auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies tat nun dem Jungen leid und er bat seinen Vater, sich mit ihm auf den Esel zu setzen.

„Ja, gibt es sowas?“, sagte eine alte Frau. „So eine Tierquälerei! Dem armen Esel hängt der Rücken durch und der junge und der alte Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus. Der arme Esel!“

Vater und Sohn sahen sich an, stiegen beide vom Esel herunter und gingen neben dem Esel her. Dann begegnete ihnen ein Mann, der sich über sie lustig machte: „Wie kann man bloß so dumm sein? Wofür hat man einen Esel, wenn er einen nicht tragen kann?“

Der Vater gab dem Esel zu trinken und legte dann die Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Egal, was wir machen“, sagte er, „es gibt immer jemanden, der damit nicht einverstanden ist. Ab jetzt tun wir das, was wir selber für richtig halten!“ Der Sohn nickte zustimmend.

(Aus dem Buch „Der Kaufmann und der Papagei“ von Nossrat Peseschkian)

Die Geschichte hat mich einerseits zum Schmunzeln, anderseits aber auch zum Nachdenken gebracht.

Wie oft bewerten wir?

Als ich mir nämlich die Frage stellte, wie oft ich eine Situation bewerte, obwohl ich nur einen Ausschnitt von ihr wahrnehme, wurde mir etwas anders. Die ehrliche Antwort: so gut wie immer. Vermutlich hätte ich in der Geschichte zuvor auch einer der Vorübergehenden mit ähnlichen Gedanken sein können.

Was löst die Geschichte in dir aus? Kannst du voller Überzeugung sagen, dass du keine verurteilenden Gedanken gehegt hättest?

Wenn nicht, mach dir nichts draus. Dass wir Situationen und Mitmenschen bewerten, liegt in der Natur von uns Menschen. Schließlich hilft uns die Bewertung auch, um Gefahren für uns zu erkennen (zum Beispiel, ob das Auto vor dem Zebrastreifen hält und ich gefahrlos über die Straße gehen kann) oder um Entscheidungen zu treffen (gesunde Gemüsepfanne versus leckerer Burger mit Pommes).

Im Alltag ist das auch gut so, vor allem, wenn es um unsere persönlichen Entscheidungen geht – wir möchten schließlich nicht für jede kleinste Entscheidung zahlreiche Für und Wider durchgehen wollen, um dann vielleicht festzustellen, dass es doch besser gewesen wäre, Gemüse statt Tiefkühlpizza zu essen (ich für meinen Teil bin sowieso von der Sorte „Wenn ich mich nur entscheiden könnte“). Daher greife ich zum Beispiel gerne auf Bewertungsplattformen wie Tripadvisor oder auch auf die Bewertungen bei Amazon oder Booking.com zurück. Diese Bewertungen helfen mir, dass ich einen schnellen Überblick bekomme, über das, was mir für meine Entscheidungsfindung wichtig ist.

Gefahren, wenn wir Mitmenschen bewerten (Bewertungsfallen)

Problematisch kann die Bewertung dann werden, wenn es sich um Situationen handelt, die Mitmenschen betreffen oder wenn es um die Bewertung von Mitmenschen selbst geht. Wenn ich eine Situation sehe, höre oder wahrnehme oder mir eine Person gegenüber steht und ich sofort ein Bild kreiere, das klarerweise auf meinen eigenen Erfahrungen basiert, dann sollte ich mir bewusst sein, dass es meine subjektive Bewertung ist, der ich nicht allgemeine Gültigkeit zuschreiben kann.

Wenn ich zum Beispiel in der Straßenbahn Eltern mit kleinen Kindern sehe und die Kinder die ganze Fahrt über am Handy spielen dürfen – kann ich dann davon ausgehen, dass die Kinder auch zu Hause die ganze Zeit so beschäftigt werden? Oder könnte es vielleicht sein, dass Eltern sich gegenüber den mitfahrenden Passagieren verpflichtet fühlen, die Kinder ruhig zu halten? Oder wenn ich jemand stark Übergewichtigen sehe, der gerade einen Burger verdrückt. Kann ich wissen, dass diese Person wirklich selbst schuld an ihrer Situation ist und nicht gesundheitliche Probleme hat und der Burger, den ich gerade sehe, der Burger ist, den sich diese Person nur alle zwei Wochen erlaubt, da sie sonst auf strenger Diät ist?

Die Antwort ist: Ich kann es nicht wissen, nur mutmaßen.

Vielleicht kennst du die dem Sufismus zugeschriebene Geschichte mit den Blinden und den Elefanten, die es in zahlreichen Versionen gibt. In einer davon geht es zusammengefasst darum, dass eine Gruppe von Blinden in völliger Dunkelheit einen Elefanten untersucht, um zu begreifen, worum es sich bei diesem Tier handelt. Jeder untersucht ein anderes Körperteil (aber jeder nur einen Teil), wie zum Beispiel die Flanke oder einen Stoßzahn. Da alle jeweils nur einen Teil des Elefanten berühren, hat auch jeder seine eigene Überzeugung, um was es sich handelt. Und natürlich sind alle davon überzeugt, dass ihre Version die (einzig) richtige ist.

Ist sie auch – zumindest in ihrer subjektiven Wahrnehmung. So geschieht es häufig. Wir sehen nur einen Auszug vom Ganzen und basierend darauf bewerten wir. Hinzu kommen noch unsere eigenen Gedanken und Erfahrungen. Und schon ist sie gemacht – die Bewertung.

Vermeidung von Bewertungsfallen

Wie können wir nunmehr versuchen, nicht mehr in diese – ich nenne sie mal Bewertungsfallen – zu tappen?

Auch hierzu gibt es eine passende Geschichte, nämlich die 3 Siebe von Sokrates:

Einst wandelte Sokrates durch die Strassen von Athen.

Plötzlich kam ein Mann aufgeregt auf ihn zu. „Sokrates, ich muss dir etwas über deinen Freund erzählen, der…“ „Warte einmal, „unterbrach ihn Sokrates. „Bevor du weitererzählst – hast du die Geschichte, die du mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe gesiebt?“ „Die drei Siebe? Welche drei Siebe?“ fragte der Mann überrascht. „Lass es uns ausprobieren,“ schlug Sokrates vor.

„Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Bist du dir sicher, dass das, was du mir erzählen möchtest, wahr ist?“ „Nein, ich habe gehört, wie es jemand erzählt hat.“

„Aha. Aber dann ist es doch sicher durch das zweite Sieb gegangen, das Sieb des Guten? Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund erzählen möchtest?
“ Zögernd antwortete der Mann: „Nein, das nicht. Im Gegenteil….“

„Hm,“ sagte Sokrates, „jetzt bleibt uns nur noch das dritte Sieb. Ist es notwendig, dass du mir erzählst, was dich so aufregt?“ „Nein, nicht wirklich notwendig,“ antwortete der Mann. „Nun,“ sagte Sokrates lächelnd, „wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, nicht wahr ist, nicht gut ist und nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit!“

(aus Stangl, W. [2019]. Die drei Siebe des Sokrates – Wahrheit – Güte – Notwendigkeit. Werner Stangls Arbeitsblätter-News, https://arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/die-drei-siebe-des-sokrates-wahrheit-gute-notwendigkeit/)

Was die Bewertung betrifft, so ist es insbesondere der Sieb der Wahrheit, den wir hier bedenken können. Wenn wir etwas sehen/hören/wahrnehmen, können wir uns fragen, ob wir uns sicher sein können, dass unsere Schlussfolgerung wahr und nicht nur eine auf unseren persönlichen Erfahrungen beruhende Interpretation ist?

Und auch, wenn wir uns sicher sind, dass unsere Interpretation stimmt, dann können wir uns noch immer bewusst machen, dass wir nie alles wissen können, was eine Person schon mitgemacht hat, welchen Rucksack sie vielleicht seit Jahren schon mit sich trägt und was die Ursachen für ihre vielleicht nicht nachvollziehbaren Verhaltensmuster sind. Auch bei der Wahrnehmung von Situationen kenne ich vermutlich meistens nicht die (ganze) Vorgeschichte.

Wenn ich mir also bewusst gemacht habe, dass, wie ich Menschen, Dinge und Situationen wahrnehme, durch meine eigenen Erfahrungen und Gedanken beeinflusst ist, dann fällt es mir vielleicht auch leichter, mehr Verständnis für meine Mitmenschen aufzubringen.

Eine einfache Übung dazu: Beobachte dich einfach mal dabei, wenn du gerade eine Situation beobachtest (interpretierst) oder du dich über eine Person ärgerst. Was geht in dir vor? Welche Geschichte spielt sich in deinem Kopf ab? Welche Gedanken drängen sich dir auf?

Und dann mache dir bewusst, dass es gerade nur eine Momentaufnahme ist, die von dir und deinen eigenen Gedanken interpretiert wird.

Und wenn du Dinge, die du wahrgenommen hast, weitererzählen möchtest, dann lohnt es sich vielleicht vorher, in deinem Inneren die 3 Siebe von Sokrates zu durchlaufen.

Mir steht da auf jeden Fall noch ein großes Lernfeld bevor und ich würde mich sehr freuen, wenn auch du mir von deinen Erfahrungen berichten möchtest.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.