Von der kirgisischen Weite hin zu sich selbst

Kirgistan? Als Land ist es mir zwar schon untergekommen und ich wusste, dass es irgendwo in Asien liegt, aber trotzdem musste ich den Atlas zur Hilfe nehmen, um herauszufinden, wo genau es sich befindet. Die Reisebeschreibung, auf die ich zufällig gestoßen bin, hat es mir nämlich so angetan, dass ich mehr über dieses zentralasiatische Land wissen wollte. Endlose unbesiedelte Weiten, Bewohner, die zeitweise noch als Nomaden in Jurten leben und über 90 Prozent des Landes, die über 1.500 Höhenmeter liegen. Der Gipfel des höchsten Berges dort liegt sogar auf über 7.400 Meter.

Im Sommer verbringen die meisten Bauernfamilien ihre Zeit gemeinsam mit den Tierherden (Pferde, Kühe, Schafe oder sogar Yaks) am „Jailoo“ (übersetzt „Hochalm“). Das kann schon mal auf 3.000 Meter oder noch höher sein. Übernachtet wird dann in Jurten (traditionelles Zelt der Nomaden), die jedes Jahr aufs Neue auf- und wieder abgebaut werden. Ansonsten Natur und Berge, wohin man blickt. Keine feste Straße, keine fixen Almhütten, wie man sie von uns kennt. Der Morgen startet mit dem Melken der Kühe und Pferde (vergorene Stutenmilch ist das Nationalgetränk in Kirgistan, allerdings auch etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man nicht damit aufgewachsen ist), daraus wird dann Joghurt und Butter gewonnen. Geschlachtet wird, wann immer es nötig ist. Ansonsten können die Tiere den ganzen Tag frei grasen, wo und was auch immer sie wollen.

Warum ich dir das alles erzähle?

Weil das alles nicht nur die Reisebeschreibung war, sondern auch das, was ich kürzlich vor Ort erleben durfte und vor allem weil mich diese erlebten Momente wieder inne halten ließen. Ich begann zu reflektieren und wahrzunehmen, was mir im Leben wichtig ist und wie wenig ich brauche, um mich zufrieden zu fühlen. Beim mehrtägigen Trekking in den Bergen mit Zeltübernachtung und auch während des Reitens durch die kirgisische Steppe spürte ich eine unglaubliche Zufriedenheit und Freiheit. Das abendliche Bad im eiskalten Fluss ließ mich unglaublich verbunden mit der Natur und der Welt fühlen. Ich war den Tränen nahe, so gerührt war ich von allem.

Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben.

Das Reisen führt uns zu uns zurück.

Das meinten schon Kurt Tucholsky bzw. Albert Camus.

Dem kann ich voll und ganz beipflichten. Ich liebe es zu reisen und in fremde Länder und Kulturen einzutauchen, ihre Bewohner kennenzulernen und einen Einblick in völlig andere Lebensgestaltungen zu erhalten. Aber das ist für mich noch nicht alles, was Reisen bietet. In der Ferne spürt man nämlich auch die Sehnsüchte, denen man zu Hause im Alltag nicht genug Platz einräumt. Viel zu viele (notwendige?) Pflichten nehmen im Alltag den Raum ein.

Daher ist für mich die wichtigste Erkenntnis, die ich in der Fremde gewonnen habe, dass ich meine Sehnsucht nach dem Leben auch zu Hause stillen kann, wenn ich mir bewusst dafür Zeit nehme. Und das ist auch der Ort, an dem es Sinn macht, die vorhandenen Sehnsüchte zu stillen. Schließlich ist es der Ort, an dem wir am meisten Zeit verbringen (und klimafreundlicher ist es noch dazu).

Falls du also gerade keine Möglichkeit hast, in die Ferne zu reisen oder noch etwas auf deinen bevorstehenden Urlaub warten musst, lohnt sich vielleicht der Versuch, dich an deinen letzten Urlaub zu erinnern und an das, was dir damals besonders gut gefallen hat und wo du dich selbst wieder einmal so richtig gespürt hast. Vielleicht findest du ja auch eine Möglichkeit, etwas davon in dein Leben hier zu integrieren.

Ich zum Beispiel habe während meiner Reise das Baden im Fluss und das Übernachten im Zelt während des Trekkings sehr genossen und auch rund um meine Heimatstadt gibt es genug Möglichkeiten, naturbelassene Orte zu besuchen oder sich ein Zelt zu schnappen und eine mehrtägige Wanderung zu unternehmen.

In diesem Sinne:

Wohin auch immer wir reisen, wir suchen, wovon wir träumten und finden doch stets nur uns selbst. (Günter Kunert)

P.S. Damit du dir das Suchen im Atlas oder das Befragen von Google Maps ersparst, verrate ich es dir: Kirgistan liegt in Zentralasien und grenzt im Norden an Kasachstan, im Südosten an China, im Süden an Tadschikistan und im Westen an Usbekistan.

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