Eine Geschichte über die Wertschätzung und ihren Wert

Chaos überall. Ein Durcheinander, fernab von jeglichem Miteinander. Und mittendrin: die Verzweiflung. Tag ein, Tag aus muss sie hilflos mitansehen, wie das Zusammenleben der Menschen im Dorf von Tag zu Tag schlechter wird. Selbst bisherige Freunde wurden zu Feinden. Wie konnte es auch anders sein? Lautete doch das allgemeine Credo der Bewohner: „Ich – ich – ich und nach mir die Sintflut.“ Das machte sich natürlich auch im Zusammenleben der Leute bemerkbar. Man hatte kein nettes Wort mehr füreinander übrig. Ganz im Gegenteil: Jeder versuchte, den anderen zu übertrumpfen, um der Bessere zu sein. Nettigkeiten? Sie waren weit und breit nicht zu sehen.

Und wenn die Verzweiflung versuchte, mit den Bewohnern ins Gespräch zu kommen, wurde sie meistens nicht beachtet. Völlig unbeeindruckt rannten die Menschen an ihr vorüber. Diejenigen, die sich doch die Zeit nahmen, der Verzweiflung kurz zuzuhören – und das waren sehr, sehr wenige – fragte sie nach einer ehemaligen Dorfbewohnerin. Ob sie sich denn noch an sie erinnern könnten? Ihr Name war Wertschätzung. „Viele Jahre schon weder gehört noch gesehen,“ war die Antwort der meisten. Und Kinder schauten die Verzweiflung mit großen Augen an: Eine ehemalige Dorfbewohnerin namens Wertschätzung? Noch nie von dieser geheimnisvollen Dame gehört.

Die Verzweiflung spürte, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie grübelte bis spät in die Nacht. Und plötzlich war er da, ein Geistesblitz – sie musste Wertschätzung finden und wieder ins Dorf zurückbringen, denn nur so konnten die Menschen zur Vernunft gebracht werden. Dass dies kein leichtes Unterfangen wird, war der Verzweiflung bewusst. Schließlich ist Wertschätzung nicht freiwillig weggezogen, sondern aus dem Dorf vertrieben worden, ihre Mitmenschen wollten sie einfach nicht mehr in ihrer Nähe haben.

Gleich am nächsten Morgen, noch vorm Sonnenaufgang, machte sich die Verzweiflung auf den Weg. Jeden, dem sie begegnete, fragte sie nach der Wertschätzung. Viele haben Wertschätzung schon irgendwann einmal gesehen und konnten so der Verzweiflung Anhaltspunkte geben. Oftmals lag die Begegnung mit Wertschätzung aber schon Wochen zurück. Mehrere Tage war die Verzweiflung nun schon unterwegs, es fehlte aber noch jede Spur von Wertschätzung. Verzweiflung nahm sich vor, noch einen einzigen Tag weiterzugehen, viel zu weit war sie nämlich schon von zu Hause weg. So kam sie an einem kleinen idyllischen See vorbei, der von Schilf umgeben war. Am Seeufer stand eine kleine Holzhütte. Verzweiflung beschloss, auch hier ihr Glück zu versuchen und sich nach Wertschätzung zu erkundigen. So klopfte sie an der Türe. Niemand öffnete. Sie klopfte nochmals und hörte Schritte auf die Türe zugehen. Jemand öffnete die Türe und Verzweiflung traute ihren Augen nicht. Konnte das wirklich Wertschätzung sein, die da vor ihr stand? Auch Wertschätzung erkannte die Verzweiflung sofort wieder, und sie fielen sich in die Arme. Und dann erzählte die Verzweiflung nach und nach, was sich im Dorf abspielte und warum sie sich auf die Suche nach ihr gemacht hat.

Für Wertschätzung war sofort klar, dass sie Verzweiflung zurück ins Dorf begleiten würde, auch wenn sie Angst davor hatte, was sie dort erwarten würde. Gleich am nächsten Tag – Wertschätzung packte nur das Notwendigste zusammen – machten sich die beiden auf den Weg zurück ins Dorf.

Dort angekommen war Wertschätzung bestürzt, was aus dem Dorf geworden ist, welch ein Unfriede und Gegeneinander doch überall herrschte. Sie war sich aber auch bewusst, dass die Menschen wieder Zeit brauchten, um sich an sie zu gewöhnen und sie wieder in ihr Leben zu lassen. So setzte sie sich Tag für Tag an den Dorfplatz und beobachtete die Menschen. Und siehe da: Allein durch ihre Präsenz wurden die Menschen wieder etwas harmonischer, jeden Tag ein bisschen mehr. Und als die ersten den Mut fanden, auf Wertschätzung zuzugehen und mit ihr in Kontakt zu treten, folgten immer mehr Menschen. Auch die Kinder lernten die ehemalige Dorfbewohnerin endlich kennen. Ab diesem Tag war die Wertschätzung endlich wieder Teil der Dorfgemeinschaft, und so konnte aus dem Gegeneinander wieder ein Miteinander werden.

Nachwort:

Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, wie gut es sich anfühlt, wenn uns Anerkennung und Achtung entgegengebracht werden, wenn wir positive Zuwendung, Lob und Dankbarkeit erfahren. Dennoch hat Wertschätzung im Lauf der letzten Jahrzehnte einen Kurssturz erlitten. Der Umgang der Menschen miteinander ist unfreundlicher und rauer geworden………Allerdings scheint es mir, dass der Wind sich gerade dreht, dass die Sehnsucht nach mehr Wertschätzung wächst.

Diese Passage stammt aus dem Buch „Das Wunder der Wertschätzung“ vom Autor und Gerichtspsychiater Reinhard Haller (auch Autor des Buches „Die Macht der Kränkung“). Das Buch zeigt auf, wie lebenswichtig Wertschätzung für uns Menschen ist und dass diese sogar unsere psychische Gesundheit beeinflussen kann.

Meine Geschichte über die Verzweiflung und die Wertschätzung ist zwar fiktiv, dennoch kann sie auch Anregung dafür sein, dass wir uns bewusster Gedanken darüber machen, wie wir sowohl unseren Mitmenschen als auch uns selbst (ja, das ist mindestens genauso wichtig) Wertschätzung entgegenbringen können. Dafür reicht schon ein „Danke“ oder ein „Gut gemacht“ oder einfach ein aufrichtiges Kompliment. Wir wissen selbst, wie sehr es uns freut, positives Feedback zu erhalten, warum also nicht auch selbst einmal die Initiative ergreifen? Denn:

Achte und schätze jeden Menschen und du bekommst seine Wertschätzung und Achtung zurück. (Horst Bulla)

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